Keramik aus dem Kannenbäckerland

Im Laufe des Mittelalters kristallisierte sich eine Region heraus, in der das Töpferhandwerk jahrhundertelang die gewerbliche Produktion beherrschte und bis heute mit Erfolg betreibt: Das im südwestlichen Westerwald gelegene Kannenbäckerland, zu dem die Städte und Gemeinden Höhr-Grenzhausen, Hilgert, Hilscheid, Ransbach-Baumbach, Mogendorf, Bendorf und Vallendar am Rhein zählen.

Archäologische Funde belegen, dass hier seit der vorgeschichtlichen Zeit immer wieder Tonwaren hergestellt wurden. Eine durchgängige Entwicklung setzte jedoch erst im späten Mittelalter ein. Im 13. und 14. Jahrhundert gelang den Eulern – wie die traditionellen Töpfer im Kannenbäckerland auch genannt werden – der Übergang von der porösen Irdenware zum dichtgebrannten (gesinterten) Steinzeug.

Das auf der Töpferscheibe gedrehte, hellgraue Gebrauchsgeschirr wurde entweder mit einer rotbraunen Lehm-Engobe überzogen („rote“ Ware) oder zeigte rötliche Flammungen (geflammte Ware). Diese Steinzeugart beherrschte bis Ende des 16. Jahrhunderts die Produktion. Mit dem Zuzug erfahrener Kunsttöpfermeister aus dem Aachener und Siegburger Raum, die infolge von Kriegsereignissen aus ihrer Heimat vertrieben oder von den Westerwälder Landesherren gerufen worden waren, begann um 1600 eine neue Epoche. Die Zugezogenen führten das graublaue, salzglasierte Steinzeug ein, das noch heute für das Kannenbäckerland charakteristisch ist. Im 17. Jahrhundert erreichte das Westerwälder Steinzeug eine künstlerische Blütezeit, die Produktion vieler anderer Töpferzentren kam während des Dreißigjährigen Krieges zum Erliegen. Der Westerwald blieb von den Kriegsereignissen nahezu unberührt. Im 18. Jahrhundert stieg die Zahl der Euler rasch an.

Um 1750 zählte die Gesamtzunft etwa 600 Mitglieder. Zugleich verloren aber die traditionellen Techniken an Bedeutung, denn Fayence und Porzellan kamen in Mode und stellten für kunsthandwerkliches Steinzeug eine starke Konkurrenz dar. Hier sollte eine gemeinsame Verordnung aller Landesherren, die den Zugang zur Zunft auf jeweils einen Meistersohn beschränkte, Abhilfe schaffen. Derartige Bestimmungen blieben jedoch in den meisten Orten ohne Wirkung. Eine immer größere Zahl so genannter Halbmeister oder „Schnassen“, die nur geringe fachliche Qualifikationen besaßen, war für Absatzprobleme des Handwerks mitverantwortlich.

Im Spannungsfeld zwischen Tradition und Spitzentechnologie

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlitt die Produktion im Zuge der Napoleonischen Kriege weitere Rückschläge: einerseits kurzzeitig durch die Kriegsereignisse, andererseits langfristig durch den Siegeszug des Steinguts, das vornehmer als das Steinzeug aussah, obwohl er preisgünstiger war.
Als Ende des 19. Jahrhunderts die Glasflasche den herkömmlichen Sauerwasserkrug verdrängte, kam die Krugbäckerei nahezu zum Erliegen. Die Westerwälder Steinzeughersteller gerieten zu Beginn des 20. Jahrhunderts erneut in Absatzschwierigkeiten. Unterstützt von preußischen Regierungsstellen, gelang es den Töpfern, Entwürfe namhafter Künstler und Designer erfolgreich umzusetzen. Damit war die Grundlage für den Erfolg der zeitgenössischen Keramik des Kannenbäckerlandes geschaffen. Im späten 19. und im 20. Jahrhundert gelang es, mit der Erweiterung der Produktpalette, der Einführung neuer Techniken und einer verbesserten Ausbildung die Absatzlage wieder erheblich zu verbessern.

Die Wurzeln der keramischen Ausbildung reichen am Standort Höhr-Grenzhausen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Einen wesentlichen Beitrag zur weiteren Entwicklung des Töpferhandwerks leistete die 1879 gegründete „Keramische Fachschule“. Heute werden außerdem am Institut für Künstlerische Keramik und Glas der Fachhochschule Koblenz am Standort Höhr-Grenzhausen Keramik und Glas gelehrt.

Für die Bindung zwischen Kunst und Handwerk im 19 Jahrhundert stehen Namen wie Richard Bampi, Gerhard Marcks und Ewald Mataré. Dem Streben nach maschinell herstellbaren Spitzenprodukten in der Zeit des Jugendstils – auch in der Keramik – folgte eine stärkere Hinwendung zur handwerklichen Tätigkeit. An den deutschen Kunstschulen und -akademien wurde noch vor der Gründung des „Staatlichen Bauhauses Weimar“ im Mai 1919 ein Flugblatt verteilt: „Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück! Denn es gibt keine Kunst von Beruf. Es gibt keinen Wesensunterschied zwischen dem Künstler und dem Handwerker [... ] Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker! [... ]“

Salzglasiertes Steinzeug: Markenzeichen einer ganzen Region

Die Jugendbewegung der Wandervögel in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts brachte die Rückbesinnung auf ein natürliches Leben, dem ein handwerklicher Beruf wie der des Töpfers gut stand. In diesem Rahmen kam der 1905 in Porz bei Köln geborene Wim Mühlendyck nach Abitur und einigen Semestern Studium zur Keramik. 1931 gründete er in Höhr-Grenzhausen seine Werkstatt, nur vier Jahre später als die 1904 in Bendorf geborene Elfriede Balzar-Kopp. Beider Anliegen war es, das traditionsreiche Töpferhandwerk des Westerwaldes neu zu beleben. Es war zwar nicht vollkommen ausgestorben, kleinere Werkstätten arbeiteten weiterhin. Aus alten Werkstätten hatten sich aber mehrere Manufakturen entwickelt, die inzwischen industriell hergestelltes Steinzeug nach ganz Europa exportierten.

Elfriede Balzar-Kopp und Wim Mühlendyck gaben dem Töpferhandwerk im Westerwald wieder Auftrieb. Sie bauten ihre Öfen selbst und experimentierten mit Brenntemperaturen und -zeiten, Luftzufuhr und Reduktion. Das auf der Töpferscheibe gedrehte symmetrische Gefäß stand im Mittelpunkt ihrer kreativen Arbeit.

Der Erfolg beider Töpfer war groß. Ihre Arbeit fand viele Anhänger, nicht zuletzt weil die traditionellen Techniken Red und Knibis wieder zum Einsatz kamen. Elfriede Balzar-Kopp baute neben Gefäßen auch Plastiken frei auf. Bereits in den 1930er und 1940er Jahren genoss die deutsche Keramik auch im Ausland hohes Ansehen. Auf der Weltausstellung 1937 in Paris waren viele deutsche Keramiker erfolgreich. Unter ihnen waren Elfriede Balzar-Kopp und Wim Mühlendyck, die im Bewusstsein, gute Arbeit zu leisten, salzglasiertes Steinzeug mit den traditionellen Dekortechniken bei internationalen Wettbewerben vorstellten und damit große Erfolge erzielten. Viele internationale Auszeichnungen belegen dies. Elfriede Balzar-Kopp und Wim Mühlendyk sind Begründer von Töpferfamilien, die bis heute in Höhr-Grenzhausen arbeiten.

Im Jahr 2010 sind mit 32 Betrieben noch über die Hälfte aller Keramikbetriebe, die in die Handwerksrolle der Handwerkskammer Koblenz eingetragenen sind, im Westerwald ansässig.

© 2012 Handwerkskammer Koblenz, letzte Aktualisierung: 22.05.2012