Edelsteinschleifer und Schmuckdesigner
Eine Besonderheit im Kammerbezirk Koblenz stellt die große Anzahl von Edelsteinschleifern dar, die zunächst selbstverständlich dem Handwerk zugeordnet waren.
1936 entschied das Reichswirtschaftsministerium, die Edelsteinschleifer in die Gewerbefreiheit zu entlassen und auf einer Konferenz der Handwerkskammern beschlossen die Hauptgeschäftsführer 1951, dass die Handwerkskammer Koblenz beim Bund federführend einen Antrag auf die Rückführung der Edelsteinschleifer ins Handwerk stellen solle. Denn von den rund 1.200 Edelsteinschleiferbetrieben in Rheinland-Pfalz befanden sich allein 1.025 im Koblenzer Kammerbezirk, vor allem im Kreis Birkenfeld. Dieses Vorhaben konnte erfolgreich realisiert werden. Mit Erlass der Bundeshandwerksordnung von 1953 wurde der Beruf des Edelsteinschleifers wieder in die Liste der Handwerksberufe aufgenommen. Repräsentanten der Handwerks- sowie der Industrie- und Handelskammern in Rheinland-Pfalz einigten sich 1955 über die Verteilung der Aufgaben bei der Betreuung der Edelsteinschleifer. Demnach berieten die Industrie- und Handelskammern weiterhin in Fragen des Exports. Gemeinsam kümmerten sich die Kammern um Ausbildung und Prüfung. Seit 1967 kooperieren beide Kammern noch enger. Damals waren nur 13 Lehrlinge bei der Handwerkskammer, aber fast 30 bei der Industrie- und Handelskammer eingetragen. Eine Lehrlingsrolle für Industrie und Handwerk wird bei der IHK geführt.
Das Gewerbe der Edelsteinschleifer hat im Raum Idar-Oberstein eine lange Tradition. Die Landesherren förderten schon allein aus finanziellen Interessen die Entwicklung der Edelsteinschleifereien. Spätestens seit Mitte des 15. Jahrhunderts wurde unter Aufsicht der Herren von Oberstein nach Achaten gegraben. Ein Drittel der Funde beansprachte die Obrigkeit für sich.
Bereits im 17. Jahrhundert traten Achatbohrer, die zum Beispiel Kugeln für Halsketten oder Rosenkränze bohrten, als eigenständiger Berufsstand auf. Hinzu kam eine wachsende Anzahl von Goldschmieden. Diese fassten die bearbeiteten Steine in Gold und Silber zu Schmuck- und Kultgegenständen.
1745 bildeten die 14 Obersteiner Goldschmiede eine Zunft. Zum Schutz seiner wichtigen Einnahmequelle erließ Graf Philipp Franz von Oberstein bereits 1609 eine eigene Zunftordnung für die Schleifer.
In Idar-Oberstein und Umgebung
Das Ende der Wasserschleifereien begann, als am 18. Oktober 1900 die „Oberstein-Idarer Elektrizitäts-Aktiengesellschaft“ ihr Werk in Betrieb nahm. Die neue, nicht mehr ortsgebundene Antriebskraft ermöglichte eine Verlagerung der Werkstätten in die Stadt.
Seit der Einführung der Gewerbefreiheit durch die Franzosen (ab 1798) konnte das Schleifergewerbe auch außerhalb des Idarbanns ausgeübt werden, wodurch das Das die Stadt. Seit der Einführung der Gewerbefreiheit durch die Franzosen (ab1798) konnte das Schleifergewerbe auch außerhalb des Idarbanns ausgeübt werden, wodurch das Handwerk expandierte. In der folgenden Friedenszeit nahm das Bevölkerungswachstum bisher nie gekannte Ausmaße an – die Bevölkerung von Idar verdoppelte sich innerhalb von 50 Jahren. Im Achatschleifergewerbe wurde das Rohmaterial knapp und der Absatz ließ nach. Hinzu kamen Hungerjahre wie 1816/17, die durch Missernten ausgelöst waren. In dieser Situation entschlossen sich zahlreiche Familien des Nahe-Hunsrück-Raumes zur Auswanderung nach Brasilien, das 1822 seine Unabhängigkeit erlangt hatte und nun Bauern und Handwerker zur Besiedlung und Erschließung des Landes suchte.
1827 entdeckten drei der ausgewanderten Idarer Schleifer große Achatvorkommen in der Provinz Rio Grande do Sul. Sie sammelten einige hundert Zentner Rohachate und schickten sie nach Hause. Solch intensive Kontakte sicherten nicht nur die Versorgung mit Achaten und später auch mit Edelsteinen, sie machten vermutlich die Idar-Obersteiner auch mit einer brasilianischen Delikatesse bekannt – dem Spießbraten.
Wegen der ungünstigen Absatzlage für geschliffene Achate ließen sich ab 1834 einige junge Schleifer in berühmten Pariser Ateliers zu Edelsteingraveuren ausbilden und gründeten nach ihrer Rückkehr in Idar-Oberstein ein in seiner Geschlossenheit und Vielfalt einmaliges Zentrum dieses Handwerks. Sie beherrschten den seit der Römerzeit bekannten Gemmen- und Kameenschnitt. Motive sind kunstvolle Porträts oder figürliche Darstellungen – eine Kunst, die auch heute noch gepflegt wird.
Der vorübergehenden Hochkonjunktur folgte auf Grund von Nachfrageschwankungen ein Preisverfall. 1866 stellten 75 Betriebe ihre Arbeit ein. Dennoch arbeiteten 438 Achatschleifer in Oberstein. Darüber hinaus waren 1883 238 Graveure ansässig.
Edelsteine und Schmuck mit Weltruf
Nach den wirtschaftlichen Krisenjahren führten 1875 Edelsteinschleifer aus Böhmen ihr Gewerbe in Idar-Oberstein ein. Die neue Arbeitsweise auf der hand-, dann motorbetriebenen, horizontal umlaufenden Metallscheibe ermöglichte einen viel exakteren Facettenschliff als mit dem althergebrachten Schleifstein. Anfangs wurden überwiegend Granat und Amethyst, später auch härtere Edelsteine geschliffen. 1886 entstand die erste Diamantschleiferei in Idar als zweite in Deutschland überhaupt. Nach der Überwindung technischer Schwierigkeiten – Diamanten können nur mit Hilfe diamantstaubbeschichteter Metallscheiben geschliffen werden – arbeiteten um 1890 bereits 50 Schleifer in dieser neuen Sparte. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts betrieben alle Schleifer nebenher Ackerbau und Viehzucht, um so wenigstens die Ernährung ihrer Familien sicherzustellen.
In den anhaltend schwierigen Zeiten entstand 1888 die „Idarer Schleifer-Innung“. Ein Jahr später schlossen sich die Graveure und Bohrer zusammen. Den Meistern ging es bei diesem Zusammenschluss vor allem um den „gebührenden Verdienst“, der wegen der niedrigen Preise kaum zu erzielen war. Alle Maßnahmen zur Sicherung der Preisstabilität blieben erfolglos. Die Innung löste sich deshalb bereits um 1907 wieder auf. Bis zum Ersten Weltkrieg ging die Zahl der Bachschleifereien am Idarbach auf 29 zurück. Zwischen den beiden Weltkriegen wurden die letzten stillgelegt. In Zeiten der NS-Diktatur wurden in Idar-Oberstein Anstecknadeln für das „Winterhilfswerk“ hergestellt, was einigen Betrieben das Überleben sicherte. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte ein allmählicher, anhaltender Aufschwung ein, da die Goldschmiede verstärkt dazu übergingen, Edelsteine in ihren Schmuckgegenständen zu verarbeiten.
Ab 1912 gab es eine Gewerbeschule für Edelsteinbearbeiter und Goldschmiede. Von 1921 bis 1933 bestand eine Fachschule in Idar. Aus der Fachschule und später aus den Fachklassen der Berufsschule, an denen jeweils ortsansässige Fachkräfte unterrichteten, gingen viele Spitzenkönner hervor. Seit 1980 gibt es wieder eine Fachschule für Edelstein- und Schmuckgestaltung, sechs Jahre später folgte der Fachbereich Edelstein- und Schmuckdesign an der Fachhochschule Trier am Standort Idar-Oberstein.
Die mehrfach neu gegründeten Innungen – zuletzt 1993 die „Edelsteingraveur-Innung“, die nicht mit der 1922 durch die französische Besatzung initiierten Zwangsinnung verwechselt werden darf – trugen zur günstigen Entwicklung bei. Arbeitskreise und internationale Schmuckwettbewerbe sorgten ebenfalls für den Weltruf von Arbeiten aus Idar-Oberstein. 2010 sind im Kreis Birkenfeld noch 80 Edelsteinschleifer und 10 Graveure in die Handwerksrolle der Handwerkskammer Koblenz eingetragen.
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